Editorial

Dr. Michael Nonn
Dr. Michael Nonn
Rechtsanwalt und öffentlicher Notar, St.Gallen, Präsident des St.Galler Anwaltverbandes
01.04.2018

Gegen Ende Mai geht mein erstes Jahr als Präsident des St.Galler Anwaltsverbandes zu Ende – Zeit für ein erstes kurzes Innehalten, um etwas Ordnung in die normalerweise recht gut im Arbeitsalltag «versteckten» Aufgaben zu bringen und sich zu überlegen, was in welche Richtung weitergehen soll.

Die Digitalisierung. Sie ist derzeit in aller Munde und beschäftigt nicht nur unsere Klienten, sondern auch die Anwaltschaft. Sie wird einerseits als Schreckgespenst verteufelt, andererseits als Allheilmittel gepriesen – die Wahrheit dürfte wie so oft irgendwo dazwischen liegen. Vor dem Hintergrund der alten Regel, dass die kurzfristigen Auswirkungen sogenannt disruptiver Veränderungen eher über- und die langfristigen Auswirkungen dafür unterschätzt werden, sollten wir alle uns heute nicht allzu sehr ins Boxhorn jagen lassen, gleichzeitig aber die Visionen der Digitalisierer ernst nehmen und alle Entwicklungen sorgsam verfolgen – es ist einfacher mit zu machen, als hinterher zu rennen.

Der Berufsstand, die Regulierung. Affären wie die um die Panama- oder Paradise-Papers setzen nach dem Bankgeheimnis nun auch zunehmend das Anwaltsgeheimnis unter Druck. Letzteres hält derzeit noch stand – die Informationen, die Sie Ihrem Anwalt anvertrauen, sind bei diesem nach wie vor sicher. Wir setzen uns dafür ein, dass dies so bleibt, auch wenn uns das an ganz anderer Stelle, nämlich beim Honorarinkasso, immer wieder an sich nur wenig nachvollziehbare Hindernisse in den Weg legt.

Die Honorarordnung. Sie ist schon seit einiger Zeit in Revision, wobei es hier – dies kann nicht genug betont werden – nicht darum geht, dass die Anwälte mehr verdienen wollen (denn sie werden ja in der Regel von ihren Klienten bezahlt), sondern dass die von den Gerichten an die Klienten zugesprochenen Parteientschädigungen die wirklichen Anwaltskosten besser zu decken vermögen. Es bleibt eine harte Diskussion, aber wir bleiben dran.

Wenn ich mir für meine Amtsdauer etwas wünschen dürfte, dann wäre es ein von differenziertem Denken (nicht von plakativen, fixen Regeln – die können Maschinen besser anwenden als Menschen!) geprägter Rechtsstaat, in welchem sich die verschiedenen Akteure ohne Klischeedenken ihrer Positionen und der damit verbundenen Verantwortung bewusst sind und in gegenseitigem Respekt dafür sorgen, dass der Zugang zu diesem Rechtsstaat allen Bürgerinnen und Bürgern gleichermassen offen steht. Nicht, dass dem überhaupt nicht so wäre – Entwicklungs- und Verbesserungsbedarf ist aber dennoch erkennbar und sollte angegangen werden.

In diesem Sinne freue ich mich auf die kommenden Herausforderungen und auf zahlreiche inspirierende Begegnungen mit Rechtssuchenden, Berufskollegen und Behördenmitgliedern!

Ausgabe 1/2018

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