Editorial

Dr. Michael Nonn
Dr. Michael Nonn
Rechtsanwalt und öffentlicher Notar, St.Gallen, Präsident des St.Galler Anwaltverbandes
02.03.2020

Liebe Leserin, lieber Leser

Aus gegebenem, leider wenig erfreulichem Anlass ergeht dieses Editorial zum derzeit allgegenwärtigen Thema, der Corona-Krise.

Die Schweiz sieht sich in einer in der Tat ausserordentlichen Lage: Verliefen bisherige, auch globale Krisen für uns doch eher glimpflich, so dass unser Alltag dann doch nicht wesentlich beeinflusst wurde, hat es uns diesmal sozusagen voll erwischt. Wir stecken mittendrin, unsere Wirtschaft wurde stark heruntergefahren, richterliche und gesetzliche Fristen stehen in vielen Verfahren still, unsere sozialen Gewohnheiten sind auf den Kopf gestellt. Unsicherheit und – damit regelmässig verbunden – Angst macht sich breit, viele Menschen wissen nicht, wie es weitergehen soll und können ihre Ängste nicht einmal wie gewohnt mit ihren Familien und Freunden teilen.

Bund und Kantone nehmen ihre Rolle in der Krise ernst und warten mit Massnahmen und neuen Möglichkeiten auf, die man bislang kaum für möglich gehalten hätte. Gleichzeitig ist eine Welle der Solidarität erkennbar, die ebenfalls bemerkenswert erscheint und hoffen lässt, dass es auch bei noch längerem Andauern der einschränkenden Massnahmen so bleiben werde, auch wenn es für alle immer schwieriger werden dürfte, grosszügig zu sein.

In dieser Situation sind bei allen Betroffenen – und das sind diesmal wirklich wir alle – neben der dringend notwendigen Disziplin bei der Befolgung der behördlichen Auflagen ausserordentliche Fähigkeiten gefragt: Improvisation, Innovation, Flexibilität und nicht zuletzt auch eine gute Portion Gelassenheit, wenn es dann doch wieder anders kommt, als man noch kurz zuvor gedacht hat. Gerade hier zeigt sich m.E. die grosse Chance, welche die Corona-Krise bei all ihren ganz gewaltigen Herausforderungen mit sich bringt. Die Digitalisierung, eben noch ein anderes Schreckensgespenst für viele, hat im Rekordtempo Einzug in unseren Alltag gehalten: Sitzungen werden über Video-Calls vom Home-Office aus gehalten, Lehrer unterrichten digital ihre Schüler, die zu Hause bleiben müssen, Dokumente werden nicht mehr ausgedruckt, sondern digital verarbeitet, weiter geschickt und am Ende sogar digital unterzeichnet.

Die sozialen Kontakte am Arbeitsplatz und v.a. auch in der Familie und im Freundeskreis fehlen, keine Frage, und Homeschooling bringt eine weitere, neue Herausforderung für viele Eltern mit sich. Trotzdem aber zeigen sich nun in der Not zahlreiche Möglichkeiten, die bislang nicht oder zu wenig erkannt wurden, und die auch im Leben und in der Wirtschaft nach der Krise hoffentlich ihren Platz behalten werden. Soweit damit die Zusammenarbeit über grosse Distanzen ohne unproduktive und auch umweltbelastende Reisen verhindert würden, hätte die Krise wenigstens auch etwas Gutes bewirkt.

Dass sie uns aber geschäftliche Treffen und gesellige Runden in unseren Lieblingsrestaurants (und diesen den entsprechenden Umsatz!) genommen hat, das verzeihe ich ihr nicht so bald!

Ausgabe 1/2020

mandat Ausgabe 1/2020

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