Editorial

Dr. Martin E. Looser
Rechtsanwalt und öffentlicher Notar Gossau SG, Mitglied des Vorstandes des St.Galler Anwaltsverbandes
01.10.2020

Liebe Leserin, lieber Leser

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde ich am Anwaltstag in den Vorstand des
St. Galler Anwaltsverband gewählt und ich übernahm dabei das Ressort «Standesrecht». Standesrecht, das tönt nach trockenem Juristenfutter, weswegen sollte dies eine Beachtung im «mandat» finden?

Das Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte enthält einen Katalog von Berufsregeln, der für alle in einem kantonalen Register eingetragenen Anwältinnen und Anwälte massgebend ist. Diese Regeln beinhalten unter anderem die Pflicht zur sorgfältigen und gewissenhaften Berufsausübung, das Gebot der Unabhängigkeit, das Verbot von Interessenkollisionen, das Verbot des reinen Erfolgshonorars, das Gebot der objektivierten Werbung sowie die Grundsätze über die Aufbewahrung anvertrauter Vermögenswerte und Rechnungsstellung. Die Anwaltskammer des Kantons St. Gallen wacht hierbei über die Einhaltung dieser Regeln und spricht bei Verletzungen der Berufsregeln Sanktionen aus, welche die Verwarnung, den Verweis, die Busse bis maximal CHF 20’000 sowie das befristete oder unbefristete Berufsausübungsverbot umfassen.

Für die Mitglieder des St. Galler Anwaltsverbands gelten zusätzlich zu den Berufsregeln die Standesregeln des Schweizerischen Anwaltsverbandes. Es besteht für Anwältinnen und Anwälte keine Pflicht, Mitglied im Anwaltsverband zu sein. Diese Standesregeln enthalten beispielsweise Pflichten der Mitglieder über das Verhalten im Prozess sowie gegenüber Behörden und anderen Anwältinnen und Anwälten, den Kontakt mit Zeugen, das Berufsgeheimnis und über das Honorar. Auf begründete Klage eines Mitglieds, eines Klienten oder einer Behörde oder in schwerwiegenden Fällen von Amtes wegen beurteilt der Vorstand des St. Galler Anwaltsverbandes das Verhalten seiner Mitglieder. Ich führe dabei als Verantwortlicher des Ressorts «Standesrecht» das Verfahren. Falls der Vorstand zur Auffassung gelangt, dass ein Mitglied die Berufs- und Standesregeln verletzt hat, kann letzteres mittels Verweises, Auferlegung einer Busse bis maximal CHF 5’000 (im Wiederholungsfall bis CHF 10’000), Androhung des Ausschlusses oder mittels Ausschlusses aus dem Anwaltsverband diszipliniert werden.

Wenn Sie also ein Mandatsverhältnis mit einem Mitglied des St. Galler Anwaltsverbands eingehen, besitzen Sie die Gewähr, dass diese Person einer doppelten Berufsaufsicht untersteht, nämlich der staatlichen über die Anwaltskammer sowie einer verbandsinternen über den St. Galler Anwaltsverband. Mit anderen Worten, das Standesrecht ist ein Qualitätssiegel für die Mitglieder im St. Galler Anwaltsverband, für dessen Wahrung ich mich konsequent einsetze.

Ausgabe 2/2020

mandat Ausgabe 2/2020

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