Fair scheiden, ohne sich die Köpfe einzuschlagen

Der Wunsch, bei einer Trennung oder Scheidung eine faire Lösung zu finden und nicht unnötig zu streiten, ist bei vielen Paaren gross. Ebenso gross ist aber auch die Unsicherheit sowohl in rechtlicher als auch in praktischer Hinsicht. Aussergerichtliche Streitbeilegungsverfahren, wie das Collaborative Law and Praxis-Verfahren (CLP), bieten hierbei einen partnerschaftlichen Ansatz zur Konfliktlösung.Autor: lic. iur. HSG Claudia Lehmann-Schreiber
Fair scheiden, ohne sich die Köpfe einzuschlagen

Was bedeutet die Trennung für mich? Wie gehe ich damit um? Was kommt nun finanziell auf mich zu? Welche Ansprüche habe ich?

In psychologischer Hinsicht ist die Verarbeitung einer Trennung oder Scheidung mit der Trauerarbeit beim Tod eines geliebten Menschen vergleichbar. Es kann zwischen fünf Phasen unterschieden werden: Schock und Nichtwahrhabenwollen, Wut, Traurigkeit, Reflexion und Akzeptanz und schliesslich die Neuorientierung. Je nach konkreter Situation und Hintergrund der Trennung können diese Phasen länger oder kürzer dauern.  Zudem kommt es immer wieder vor, dass ein Partner einige Phasen bereits durchlaufen hat, bevor über die eigentliche Trennung gesprochen wird. Im schlimmsten Fall orientiert sich der eine Partner bereits neu, während der andere die Trennung noch gar nicht wahrhaben möchte. Dies erschwert die Kommunikation der beiden Partner erheblich. Hinzu kommt, dass insbesondere in den ersten drei Phasen kaum rationale Entscheidungen getroffen werden können.

Dennoch müssen oft gerade in diesen ersten Phasen entscheidende Weichen gestellt werden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Regelung der Folgen der Trennung oder Scheidung nicht so einfach verläuft, wie sich viele Paare das wünschen. Vielmehr führen die Verhandlungen über die Neuregelung oft zu mehr oder weniger heftigen Konflikten und zu emotionalen Achterbahnen.

Die Anrufung des Gerichts kann in dieser Situation hilfreich sein. Es kann aber auch den Druck und die emotionale Belastung nochmals erheblich erhöhen. Vor Gericht begegnen sich die Ehegatten nicht mehr als Partner, sondern als Gegner, was im schlimmsten Fall zu einem langjährigen Rosenkrieg mit entsprechender finanzieller und emotionaler Belastung führen kann.

Genau hier setzen aussergerichtliche Streitbeilegungsverfahren an, wobei hier vor allem auf das noch wenig bekannte Verfahren des Collaborative Law and Praxis, kurz CLP, eingegangen wird. Es bietet dieselben Vorteile wie die Mediation (siehe Kasten), geht aber darüber hinaus und schafft einen Rahmen, bei dem insbesondere auch die emotionalen und psychologischen Aspekte der Trennung oder Scheidung berücksichtigt werden können. Dies ermöglicht es dem Paar, trotz der schwierigen Situation selbstbestimmt gute Lösungen für alle Beteiligten zu finden.

Beim CLP-Verfahren steht im Gegensatz zur Mediation beiden Partnern je eine eigene anwaltliche Vertretung zur Verfügung. Diese hat die Aufgabe, zusammen mit der vertretenen Person in einer vorbereitenden Sitzung die zu regelnden Themen (Finanzierung Unterhalt, Betreuung Kinder, Wohnsituation etc.) zu erarbeiten, die damit verbundenen tieferliegenden Interessen zu eruieren und auch die rechtlichen Aspekte zu berücksichtigen. Die jeweiligen Bedürfnisse und Anliegen werden anschliessend in der gemeinsamen Sitzung mit beiden Parteien offengelegt. Danach suchen die Parteien zusammen mit den beiden Anwältinnen oder Anwälten eine konstruktive Lösung, welche sowohl die eigenen Anliegen als auch die Bedürfnisse der anderen Seite berücksichtigt, um so für die ganze Familie eine optimale Lösung zu finden.

Anders als bei der herkömmlichen anwaltlichen Vertretung verpflichten sich beide Anwältinnen bzw. Anwälte, auf gerichtliche Schritte zu verzichten und vollumfänglich auf eine einvernehmliche Lösung hinzuarbeiten. Sie stehen den beiden Ehegatten somit für eine streitige Interessensvertretung vor Gericht nicht zur Verfügung. Dies bestärkt und untermauert die Absicht der Parteien, sich einvernehmlich zu einigen und auf gegenseitige Machtkämpfe zu verzichten.

Neben der anwaltlichen Vertretung steht dem Ehepaar zudem ein Netzwerk an weiteren Fachpersonen zur Verfügung, die in diesem Verfahren ausgebildet sind. Ist es für die Aufteilung des Vermögens beispielsweise erforderlich, dass ein Unternehmen für die güterrechtliche Auseinandersetzung geschätzt wird oder dass der tatsächliche Marktwert einer Liegenschaft eruiert wird, kann eine Fachperson Finanzen (Treuhänder und Finanzexperten) hinzugezogen werden. Daneben gibt es noch Fachpersonen für Kinder sowie für Paare und Familie. All diese CLP-Fachpersonen sind darin geschult, in ihrem Fachbereich professionell und im Verfahren konfliktentschärfend zu beraten. Gerade der Beizug einer Fachperson Paare und Familie führt oft dazu, dass Blockaden in den Verhandlungen gelöst werden können, was schliesslich zu einer Einigung auch in anderen Bereichen führt.

Collaborative Law Verfahren (CLP)

CLP ist ein strukturiertes Verfahren, bei dem beide Parteien mit Hilfe einer je eigenen Rechtsvertretung freiwillig und eigenverantwortlich eine einvernehmliche Lösung ihres Konfliktes anstreben. Die Parteien sind selbst für die Lösungsfindung verantwortlich, werden aber durch ihr Anwältinnen oder Anwälte eng begleitet und unterstützt. Die Anwälte strukturieren das Verfahren so, dass Lösungen möglich werden. Bei Bedarf können weitere Fachpersonen, z. B. im Bereich Finanzen oder in Bezug auf die Kinder oder bei Blockaden, unterstützend zugezogen werden.

Ziel beider Verfahren ist eine vollständige schriftliche Vereinbarung über die Trennungs-
bzw. Scheidungsfolgen, welche durch das Gericht genehmigt werden kann.

Mediation

Mediation ist ein strukturiertes Verfahren, bei dem die Parteien mit Hilfe eines unabhängigen und neutralen Mediators oder mehrerer Mediatoren freiwillig und eigenverantwortlich eine einvernehmliche Beilegung ihres Konflikts anstreben. Die Parteien sind selbst für ihre Interessenvertretung und Wahrung ihrer Rechte im Verfahren verantwortlich. Externe Anwälte können parallel dazu beratend beigezogen werden, nehmen an den Mediationssitzungen jedoch nicht teil.

Die Autorin ist Mediatorin SAV und CLP Lawyer.

Fazit

Das CLP-Verfahren ist somit sehr lösungsorientiert und dient vor allem dazu, den Konflikt zu entschärfen, damit eine gute und tragfähige Lösung für die Zukunft beider Parteien gefunden werden kann. Auf einen Machtkampf wird bewusst verzichtet.

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